Stehen wir in Deutschland vor einer nie dagewesenen sozialen Ungerechtigkeit?

Die Schere zwischen Arm und Reich ist eine gerne benutzte Metapher, wenn es um die sozialen Zustände in Deutschland geht. Aber was ist dran an der These, dass Einkommen und Vermögen zunehmend ungleicher verteilt sind? Ist ein klarer Trend erkennbar oder handelt es sich doch um übertriebene Panikmache? Ein Blick in die Statistiken soll zeigen, wie es um Deutschland wirklich steht. 

Die Mittelschicht schrumpft immer weiter
Betrachtet man die Einkommensentwicklung der deutschen Haushalte, wird schnell deutlich, dass die Mittelschicht immer weiter abnimmt. Je nach Definition ist diese seit Ende der 90er Jahre um bis zu vier Prozent geschrumpft, während Armut und Wohlstand immer weiter zunehmen. Die oft zitierte Schere zwischen Arm und Reich, und damit auch die soziale Ungerechtigkeit, wird damit spürbar größer.

Zeitgleich ist auch ein höherer Anteil von atypischen und nicht regulären Beschäftigungsverhältnissen (d.h. Niedriglohn-Jobs, Zeitarbeit und Arbeitslosigkeit) als Einkommensquelle erkennbar. Insbesondere in den ärmeren Schichten sind immer mehr auf derartige Einkommen angewiesen und gehen keinem regulären Beschäftigungsverhältnis (Vollzeit, Teilzeit oder Selbstständigkeit) mehr nach. Dies führte nicht zuletzt auch dazu, dass sich die Reallöhne in den vergangenen 20 Jahren deutlich auseinanderentwickelt haben. Während dadurch die Armut weiter zunahm, konnten die oberen Schichten Ihren Wohlstand ausbauen. 

Auch der neueste Reichtumsbericht legt nahe, dass die Vermögensverteilung nur in wenigen der untersuchten Industrieländer (u.a. in den USA) größer ist als in Deutschland. Allerdings kann dieses Ergebnis zum einen durch die Effekte der Wiedervereinigung und zum anderen bedingt durch die unterschiedlichen Sozialsysteme relativiert werden. Die Vermögensverteilung ist damit nur eingeschränkt vergleichbar und ein hoher Wert muss nicht zwingend negativ sein. 

Mehr Armut trotz voller Staatskassen?
Beim Blick auf die statistischen Daten stellt sich vor allem auch eine Frage: Wie ist es möglich, dass die Politik die Armut bekämpft, aber diese trotzdem immer größer wird? Seit mehreren Jahren befindet sich die deutsche Volkswirtschaft nun schon im Aufschwung. Die lang ersehnte schwarze Null ist da und der Schuldenstand sinkt. Trotzdem gelten inzwischen fast 13 Millionen Bürger in Deutschland gemeinhin als arm, was einem Einkommen von unter 942 EUR für einen Singlehaushalt entspricht. 

Eine Ursache für diese Entwicklung kann in der Art der statistischen Erfassung gesehen werden. So werden sowohl Studenten mit zukünftig guten Verdienstaussichten, als auch Schulabbrecher ohne solch attraktive Perspektiven in einen Topf geworfen und tauchen in derselben Statistik als negative Ausreißer auf. Ein weiterer Grund liegt in der demografischen Entwicklung und der daraus resultierenden gestiegenen Altersarmut. Da die Renten in den vergangenen Jahrzehnten nur sehr unzureichend gestiegen sind, stehen nun viele Pensionäre vor existentiellen Herausforderungen bzw. der Gefahr der Altersarmut. 

Eine soziale Gerechtigkeit, wie sie von vielen Parteien angestrebt wird, ist bisher weder erkennbar noch absehbar. Um einen spürbaren Effekt zu erzielen, müssten weitreichende politische Entscheidungen getroffen werden. Nichtsdestotrotz ist die Situation in Deutschland, verglichen mit anderen Ländern, immer noch relativ stabil.

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